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Wels am tiefen Loch: Tagsüber mit dem Gummifisch auf Großwels

Welse fressen auch bei Tag. Wer die tiefen Löcher im Fluss kennt und den Gummifisch richtig präsentiert, fängt Großwelse mitten am Nachmittag.

Wels
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PredatorIQ Autor · Raubfisch-Experte
Wels am tiefen Loch: Tagsüber mit dem Gummifisch auf Großwels

Drei Uhr nachmittags, 28 Grad, die Sonne brennt auf den Fluss. Jeder normale Welsangler sitzt jetzt zu Hause und wartet auf die Dämmerung. Ich stehe am Rand einer tiefen Rinne, die schwere Spinnrute in der Hand, und werfe einen 23 cm Gummifisch auf 60 Gramm Jigkopf stromauf in die Tiefe. Zwei Absinkphasen, drei Grundkontakte, dann steht die Schnur. Der Wels, der sich am anderen Ende meldet, hat nicht auf die Nacht gewartet. Er hatte Hunger. Genau jetzt.

Warum die tiefen Löcher alles verändern

Die meisten Angler verbinden Welsangeln mit Nachtansitzen, Köderfischen an der U-Pose und stundenlangem Warten in der Dunkelheit. Das ist eine fängige Methode, keine Frage. Aber sie erzählt nur die halbe Geschichte. Welse sind keine reinen Nachtjäger. Sie sind Opportunisten, und wenn die Bedingungen stimmen, fressen sie rund um die Uhr. Der Schlüssel liegt im Standplatz.

Ein tiefes Loch im Fluss ist für den Wels das, was ein Fünf-Sterne-Restaurant für uns ist. Hier treffen Strömung und Tiefe aufeinander. Das Wasser gräbt sich in den Grund, schafft Vertiefungen von vier, sechs, manchmal zehn Metern, während links und rechts die normale Flusssohle bei anderthalb bis zwei Metern liegt. In dieser Tiefe fühlt sich ein Großwels auch bei Tageslicht sicher. Er liegt am Grund, geschützt vor Strömung und Licht, und wartet darauf, dass ihm das Futter vor die Nase treibt. Genau das simulieren wir mit dem Gummifisch.

Ich befische seit Jahren gezielt solche tiefen Stellen an mittelgroßen Flüssen, am Neckar, an der Donau, am Main. Was mich immer wieder überrascht: Die Bisse kommen nicht nur in der Dämmerung. Manche der besten Fische habe ich zwischen 14 und 17 Uhr gefangen, mitten am Tag, bei vollem Sonnenschein. Die Tiefe macht es möglich.

Die Strömungskante lesen

Nicht jedes tiefe Loch fischt gleich gut. Entscheidend ist die Strömungskante, also der Übergang zwischen der Hauptströmung und dem ruhigeren Wasser in der Vertiefung selbst. Diese Kante ist die Futterbahn des Welses. Alles, was der Fluss mit sich führt, Kleinfische, Krebse, tote Köderfische, wird an der Strömungskante abgebremst und sinkt ab. Der Wels muss sich nur an die Kante stellen und fressen, was vorbeikommt.

Du erkennst die Strömungskante an der Oberfläche oft an einer sichtbaren Linie, wo sich schnelleres und langsameres Wasser treffen. Manchmal bilden sich dort kleine Strudel oder das Wasser kräuselt sich anders. Wenn du ein Echolot auf dem Boot hast, wird es noch deutlicher: Die Vertiefung zeigt sich als markanter Abfall, und an der Übergangskante stehen die Fische.

Vom Ufer aus achte ich auf die Drift von Treibgut. Wo Äste oder Schaum kreisen und sich sammeln, liegt häufig der Rand der tiefen Rinne. Genau dort will ich meinen Gummifisch präsentieren. Nicht mitten im tiefsten Punkt, sondern an der Kante, wo die Strömung den Köder noch langsam über den Grund schiebt.

Das richtige Gerät für schwere Jigs

Wer mit dem Gummifisch auf Großwels an tiefen Stellen fischen will, braucht robustes Gerät. Das hat nichts mit Übertreibung zu tun, sondern mit Physik. In einer tiefen Rinne mit ordentlicher Strömung brauchst du Jigköpfe zwischen 40 und 80 Gramm, um den Gummifisch überhaupt kontrolliert zum Grund zu bekommen. Mit einem 14-Gramm-Jig, der beim Zanderangeln funktioniert, landest du hundert Meter flussab, bevor der Köder den Grund erreicht.

Ich fische eine Rute mit 2,70 m Länge und einem Wurfgewicht von 40 bis 120 Gramm. Das klingt nach Holzknüppel, aber moderne Welsruten in diesem Bereich sind erstaunlich sensibel. Du spürst jeden Grundkontakt, jede Kante, und vor allem spürst du den Moment, in dem etwas den Köder nimmt. Die Rolle sollte eine robuste 5000er oder 6000er sein, bespult mit 0,19 bis 0,23 mm Geflecht. Als Vorfach verwende ich 1,0 mm Mono oder ein dickes Fluorocarbon von 0,80 mm auf etwa 80 cm Länge. Der Wels hat keine scharfen Zähne, die deine Schnur durchschneiden. Aber seine Zahnplatten sind wie Schleifpapier, und im Drill scheuert die Schnur am Maul. Deshalb das dicke Vorfach.

Beim Gummifisch greife ich zu Modellen zwischen 20 und 25 cm. Das klingt groß, ist für einen Wels aber ein Häppchen. Farben spielen in der Tiefe eine untergeordnete Rolle. Ich habe mit Weiß, Chartreuse und Schwarz gleich gut gefangen. Viel wichtiger ist die Aktion des Gummifischs: Er muss auch bei langsamster Führung noch ordentlich mit dem Schwanz arbeiten. Große Schaufelschwanz-Shads mit weichem Gummi funktionieren hier am besten, weil sie selbst beim Absinken Druck und Vibration erzeugen.

Die Technik: Schwer, langsam, grundnah

Die Führung am tiefen Loch ist anders als beim klassischen Jiggen auf Zander. Vergiss das rhythmische Anheben und Absinkenlassen. Hier fische ich den Gummifisch mit einer Art Grundschleifen. Ich werfe stromauf oder schräg stromauf in die Vertiefung, lasse den Jig absinken, bis er den Grund erreicht, und ziehe ihn dann in langsamen, kurzen Zügen über den Boden. Zwischen den Zügen lasse ich den Köder immer wieder liegen, manchmal drei, manchmal fünf Sekunden. In dieser Pause passiert es.

Der Biss eines Welses auf Gummifisch fühlt sich selten wie ein harter Ruck an. Es ist eher so, als würde plötzlich jemand einen Sandsack an deine Rute hängen. Die Schnur steht, die Rutenspitze zieht durch, und du denkst für eine Sekunde, du hängst am Grund. Dann bewegt sich der Grund. Das ist der Moment, in dem dein Puls auf 180 geht.

Den Anschlag setze ich hart und mit der ganzen Rute. Der Jigkopf muss durch die harte Maulfläche des Welses. Ein halbherziger Anschlag bedeutet ein halbherziges Ergebnis, und mit einem 60-Gramm-Jigkopf hast du genug Gewicht, um den Haken sicher zu platzieren.

Spots finden und systematisch abfischen

Die besten tiefen Löcher liegen an Stellen, wo der Fluss eine natürliche Richtungsänderung macht. Außenkurven, Brückenpfeiler, einmündende Nebenflüsse, Wehre. Überall dort, wo die Strömung gebündelt wird und sich in den Grund frisst, entstehen tiefe Stellen. In Flussstädten findest du solche Vertiefungen oft direkt an den Brücken, weil die Pfeiler die Strömung umlenken und dahinter Auswaschungen entstehen.

Ich arbeite ein tiefes Loch immer systematisch ab. Zuerst befische ich die Strömungskante flussaufwärts, dort wo der Köder natürlich in die Vertiefung hineingetragen wird. Dann taste ich mich in die Tiefe vor. Fächerförmig, Wurf für Wurf, wie eine Uhr von zwölf über drei nach sechs. So decke ich den kompletten Bereich ab, ohne eine Zone zu überspringen. Wenn dort Welse stehen, bekommst du meistens innerhalb der ersten zehn Würfe einen Kontakt. Passiert nichts, ziehe ich weiter zum nächsten Spot. Wer am Tag auf Wels spinnfischt, muss mobil bleiben. Es ist kein Ansitzangeln mit Kunstköder.

Die beste Zeit im Sommer

Gerade jetzt im Hochsommer, wenn die Wassertemperaturen über 20 Grad steigen, sind die Welse extrem aktiv. Ihr Stoffwechsel läuft auf Hochtouren, und sie brauchen täglich enorme Mengen an Nahrung. Das bedeutet: Sie können es sich gar nicht leisten, nur nachts zu fressen. Ein Großwels jenseits der 1,50 Meter braucht so viel Energie, dass er auch tagsüber zuschlägt, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Die produktivsten Stunden liegen in meiner Erfahrung zwischen dem späten Vormittag und dem frühen Nachmittag. Das widerspricht allem, was man in den Büchern liest. Aber meine Theorie ist simpel: Um diese Zeit hat sich das Wasser im Flachwasser bereits so stark aufgeheizt, dass die Kleinfische in die tieferen Zonen ausweichen. In die Löcher und Rinnen. Direkt vor die Nase des Welses. Und wenn der Wels sowieso gerade zwischen den Köderfischen liegt, nimmt er auch den Gummifisch.

Respekt vor dem Fisch

Ein Wort zum Schluss, weil es mir wichtig ist. Wer Welse im Hochsommer gezielt befischt, muss wissen, dass einige Fische noch die letzten Ausläufer der Laichzeit hinter sich haben. Anfang Juli sind die meisten Welse mit dem Laichgeschäft durch, aber manche Spätlaicher sind noch dabei. Wenn du einen Fisch fängst, der sichtbar abgelaicht hat und erschöpft wirkt, behandle ihn mit Respekt. Ein schnelles Foto, eine kurze Messung, und dann geht er zurück. Gerade bei Großwelsen, die Jahrzehnte brauchen, um diese Größe zu erreichen, tragen wir Verantwortung.

Und noch etwas: Der Drill eines Großwelses am Tag, bei voller Sicht, wenn du siehst, wie dieser Koloss unter dir seine Kreise zieht, das ist ein Erlebnis, das kein Nachtansitz ersetzen kann. Probier es aus. Such dir das nächste tiefe Loch, pack die schwere Spinnrute ein, und wirf den fetten Gummifisch in die Tiefe. Vielleicht wartet dort schon einer auf dich.

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