Fünf Uhr morgens, der Hafen von Tarifa liegt noch im Dunkeln, aber das Echolot zeigt schon die ersten Wracklinien auf dem Plotter. Der Wind pfeift wie fast immer hier durch die Takelage, und wenn ich über die Reling schaue, sehe ich das Wasser regelrecht ziehen. Kein ruhiges Mittelmeer, kein träger Atlantik, sondern ein Strom, der sich seinen Weg zwischen zwei Kontinenten sucht. Genau hier, in dieser Durchzugszone, warten die größten Bernsteinmakrelen, die ich in über drei Jahrzehnten Big Game gesehen habe.
Warum die Straße von Gibraltar anders tickt
Die Straße von Gibraltar ist kein normales Angelrevier. Hier trifft der Atlantik auf das Mittelmeer, und beide Wasserkörper tauschen ständig Wasser aus. Oben strömt das leichtere Atlantikwasser nach Osten, in der Tiefe drückt das schwerere, salzigere Mittelmeerwasser zurück nach Westen. Dazu kommt die Tide, die in diesem engen Trichter verstärkt wird wie Wasser in einer Düse. Das Ergebnis ist eine Strömung, die regelmäßig vier bis sechs Knoten erreicht, an manchen Spots und bei Springtide auch mehr.
Für die Bernsteinmakrele ist das genau ihr Zuhause. Sie steht dort, wo die Strömung auf Struktur trifft und Futter konzentriert. Mit den Jahren habe ich gelernt, diese Strömung als den eigentlichen Grund zu sehen, warum hier so große Fische stehen. Der ständige Wasseraustausch schafft überhaupt erst diese Konzentration an Köderfisch, und der Köderfisch bringt die Bernsteinmakrele in dieser Größenordnung.
Das Tidenfenster: wann die Strömung zum Verbündeten wird
Wer hier ohne Tidenplanung rausfährt, wird frustriert wieder einlaufen. Bei voller Strömung, meist zwei bis drei Stunden nach dem Kentern der Tide, steht das Boot wie an einer Schnur gezogen über dem Wrack, und kein Jig der Welt sinkt noch senkrecht nach unten. Du brauchst Blei in Kilo-Mengen, um überhaupt Grundkontakt zu bekommen, und selbst dann treibt der Jig mehr seitlich als vertikal.
Mein Fenster liegt in der Regel eine Stunde vor bis eine Stunde nach dem Stillwasser, wenn der Strom gerade dreht oder noch schwach läuft. In dieser Phase lässt sich der Jig kontrolliert führen, und genau dann beginnt an den Wracks die Aktivität, weil der Futterfisch sich kurz neu sortiert und die Räuber darunter aufwachen. Komplette Flaute, also echtes Stillwasser ohne jede Bewegung, bringt mir übrigens kaum etwas. Die Bernsteinmakrele will etwas Strom unter sich fühlen, nur eben nicht so viel, dass du dein Gerät nicht mehr kontrollierst. Ich plane meine Ausfahrten inzwischen fast ausschließlich um dieses schmale Fenster herum, und wenn ich am Vorabend die Gezeitenkurve, den Wind und den Mondstand übereinanderlege, nutze ich dafür mittlerweile auch die HookIQ App, einfach weil sie mir dieses Zusammenspiel auf einen Blick zeigt, statt dass ich drei verschiedene Tabellen gegeneinander abgleichen muss.
Wrackstand finden und richtig anfahren
Die Straße von Gibraltar ist übersät mit Wracks, von alten Frachtern bis zu Resten aus zwei Weltkriegen, die hier auf Grund gegangen sind. Nicht jedes Wrack hält Fisch, aber die, die quer zur Hauptströmung liegen, bauen auf der strömungsabgewandten Seite einen Wirbel auf, in dem sich Sardine und Makrele sammeln. Genau in diesem Lee, meist seitlich versetzt und nicht direkt über dem höchsten Punkt der Struktur, stehen die Bernsteinmakrelen.
Ich fahre den Spot nie direkt an, sondern erst einmal mit dem Echolot eine große Schleife darüber, um die Lage des Wracks zur aktuellen Strömungsrichtung zu sehen. Danach positioniere ich das Boot so, dass ich mit dem Elektromotor leicht gegen den Strom halten und den Jig trotzdem praktisch senkrecht über die Kante fallen lassen kann. Reines Ankern funktioniert an den meisten Spots nicht, weil die Strömung zu stark ist und du beim Ankerwurf eher Grund verlierst als gewinnst. Wer kein Boot mit guter Positionshaltung fährt, sollte stattdessen im kontrollierten Drift über das Wrack ziehen und den Jig direkt nach dem Start absinken lassen, solange man noch über der Struktur steht.
Vertikalködern gegen die Strömung
Bei dieser Strömung ist leichtes Gerät Zeitverschwendung. Ich fische Knife Jigs zwischen 200 und 400 Gramm, je nach Tiefe und Strömungsstärke, und bei den Spots in 60 bis 90 Metern Wassertiefe während stärkerer Phasen greife ich auch zu 500 Gramm, nur um überhaupt senkrecht Kontakt zum Grund zu halten. Die Form ist entscheidend, ein schlanker, asymmetrischer Jig schneidet durch die Strömung, während ein breiter Jig nur wegtreibt und seine Aktion verliert.
Die Rute ist eine Slow-Pitch-taugliche Jigging-Rute in PE 6 bis 8, kurz und mit viel Rückgrat im unteren Drittel, damit ich den Fisch sofort vom Wrack wegdrücken kann. An der Rolle läuft geflochtene PE 6, also etwa 40 Kilogramm Tragkraft, auf ein Vorfach aus 80 bis 100 Pfund Fluorocarbon. Das wirkt für viele überdimensioniert, bis man einmal erlebt hat, wie eine große Bernsteinmakrele nach dem Biss ohne Umwege zurück ins Wrack rennt. Am Kopf des Jigs sitzt ein kräftiger Assist Hook mit kurzem, extra hartem Vorfach, weil der erste Kontakt mit rostigem Stahl sonst sofort das Ende der Fluchttour bedeutet.
Die Führung selbst halte ich bei starker Strömung bewusst einfach. Jig auf Grund fallen lassen, drei bis fünf schnelle Kurbelumdrehungen mit kurzem Rutenschlag nach oben, dann wieder absinken lassen und erneut auf Grund gehen. Komplizierte Slow-Pitch-Manöver mit langen Pausen bringen hier wenig, weil die Strömung den Jig ohnehin ständig in Bewegung hält. Der Biss kommt fast immer in den ersten zehn bis fünfzehn Metern über dem Grund, oft direkt beim ersten oder zweiten Lift nach dem Aufschlag.
Der Drill: sofort weg vom Wrack
Der Anhieb einer großen Bernsteinmakrele fühlt sich an, als hätte jemand die Bremse der Rolle in Beton gegossen. Kein Zupfen, kein Vorsichtsbiss, sondern ein harter Ruck, und dann zieht der Fisch mit aller Kraft zurück zur Struktur, aus der er gerade erst herausgelockt wurde. In den ersten Sekunden entscheidet sich der Fight. Ich pumpe den Fisch sofort mit geschlossener Bremse und voller Rutenkraft weg vom Grund, bevor er die zwei, drei Meter bis zum Stahl zurücklegen kann. Gelingt das nicht, ist die Schnur in der Regel binnen Sekunden an einer Kante durch.
Wer diese erste Phase überlebt, bekommt einen Fisch, der in freiem Wasser zwar immer noch brutal zieht, aber berechenbarer wird. Bernsteinmakreln drehen sich im Drill gerne seitlich und nutzen ihren breiten Körper wie ein Segel gegen die Strömung, was den Fight zäh und lang machen kann. Zehn bis zwanzig Minuten für einen Fisch über zwanzig Kilo sind in dieser Strömung keine Seltenheit, und am Ende zittern einem nach einem guten Fisch durchaus die Arme.
Mein Fazit
Die Straße von Gibraltar verlangt mehr Respekt vor der Strömung als die meisten anderen Bernsteinmakrelen-Reviere im Mittelmeer, aber genau diese Strömung macht die Fische hier so groß und so kompromisslos. Wer sein Tidenfenster kennt, das richtige Wrack findet und mit genug Blei am Jig senkrecht bleibt, hat hier die Chance auf einen der härtesten Fights, die das europäische Big Game zu bieten hat. Plane die Tide, nicht den Kalender, und du wirst merken, wie oft das der entscheidende Unterschied zwischen einem leeren Fischkasten und krummen Ruten ist.