Kurz nach fünf Uhr morgens legt sich der Hafen von Funchal noch im Dunkeln zur Ruhe, während wir längst wach sind. Die Leinen liegen gecoilt im Cockpit, der Diesel läuft warm, und über den Klippen von Cabo Girão hängt dieser blaugraue Vorlicht-Schimmer, den ich seit über dreißig Jahren nicht müde werde zu sehen. Madeira riecht am frühen Morgen nach Diesel, Salz und kaltem Kaffee. Und wer hier im August rausfährt, weiß, dass er nicht auf irgendeinen Marlin hofft. Er hofft auf einen Grander.
Warum Madeira anders tickt als jedes andere Marlinrevier
Ich habe Blue Marlin vor den Azoren gejagt, vor Kap Verde, in der Karibik. Aber nirgendwo sonst im Ostatlantik liegt die Tiefe so nah an der Küste wie hier. Vor Funchal fällt der Meeresboden auf wenigen Seemeilen von etwas über hundert auf über zweitausend Meter ab. Du musst nicht stundenlang rauslaufen, um an blaues Tiefenwasser zu kommen. Zwanzig, dreißig Minuten aus dem Hafen, und du stehst bereits über der Kante, an der die Insel praktisch senkrecht ins offene Meer abfällt.
Genau das macht Madeira zum Granderevier. Die Insel selbst ist ein erloschener Vulkan, der aus der Tiefe aufragt, und dieser steile Unterwasserhang wirkt wie eine Autobahnauffahrt für wandernde Fische. Bonito- und Makrelenschwärme stauen sich an den Kanten, weil der Aufstrom dort Nährstoffe hochdrückt, und wo sich Futterfisch sammelt, patrouillieren die großen Weibchen. Und in dieser Fischerei sind es fast immer die Weibchen, die in die Tausend-Pfund-Klasse hineinwachsen. Ein männlicher Blue Marlin dieser Größe ist eine Rarität, von der man in dreißig Jahren vielleicht einmal hört.
Die Kanten, an denen ich meine Zeit verbringe
Ich trolle vor Madeira selten flächig. Ich fahre Kanten. Der Bereich südwestlich von Funchal, wo die Insel steil zur Bank abfällt, und die Wasser zwischen Cabo Girão und Ponta do Pargo gehören zu den verlässlichsten Zonen, die ich kenne. Dazu kommt die Strecke Richtung Ponta de São Lourenço im Osten, wo eine zweite steile Flanke ins Tiefe zieht und wo ich in den letzten Jahren einige der größten Fische meiner Madeira-Saison gehabt habe.
Wichtiger als die reine Position ist für mich, was am Echolot zwischen sechshundert und tausendfünfhundert Metern passiert. Wenn ich auf dem Weg zur Kante Bonitoschwärme aufziehen sehe, die sich an der Temperaturgrenze stauen, und wenn das Wasser von tiefem Kobaltblau in ein helleres Türkis kippt, weiß ich, dass ich auf der richtigen Linie bin. Diese Farbgrenze markiert oft exakt den Übergang von der Schelfkante ins offene Wasser, und genau dort, ein Stück im tieferen Blau, nicht im Übergang selbst, stehen die großen Fische am liebsten.
Mein Lure-Spread für die Tausend-Pfund-Klasse
Für Granders fahre ich gröberes Gerät als für die üblichen Zwei- bis Dreihundert-Pfund-Fische, die im Hochsommer ebenfalls reichlich vor Madeira stehen. Als Long-Rigger läuft bei mir ein großer Marlin-Magic-Style-Lure in Purple/Black mit einer 12/0-Nadelspitze auf 400-Pfund-Mono-Vorfach, dahinter ein zweiter, etwas kleinerer Lure in Blue/White als Short-Rigger. Die beiden Center-Positionen, Short-Corner und Long-Corner, besetze ich mit einer kombinierten Squid- und Daisy-Chain-Teaser-Kette, dunkel eingefärbt, damit sie von unten als geschlossene Silhouette wirkt statt als einzelne Punkte.
Getrollt wird bei mir zwischen 8,5 und 9,5 Knoten, schneller als beim Weißen Marlin vor den Azoren, weil der Blue Marlin die Aggression braucht, die eine ordentliche Bugwelle am Lure erzeugt. Auf der Bridge lasse ich zusätzlich einen Pitch-Bait bereit, meist eine tote Makrele oder ein größerer Bonito am Circle-Hook, den wir sofort werfen, sobald ein Fisch in den Teasern auftaucht und nicht sauber auf den Haken geht. Diese Bait-and-Switch-Technik hat mir vor Madeira mehr Granders gebracht als jeder Lure allein, weil die ganz großen Weibchen oft misstrauisch an den Skirted-Lures vorbeiziehen, einen echten Köder aber kaum ablehnen können.
Das Tackle selbst ist bei mir konsequent 130er-Klasse. Stand-Up bei den kleineren Fischen, für alles über sechshundert Pfund geht bei uns aber niemand mehr ohne Fighting-Chair auf die Rute. Ein Grander vor Madeira zieht in der ersten Flucht schon mal zweihundert Meter Backing in unter einer Minute, und wer da ohne Rückenlehne und Fußstemmbrett dransteht, verliert entweder den Fisch oder sich selbst über Bord.
Wann der Saison-Peak wirklich beginnt
Vor Madeira setzt die eigentliche Blue-Marlin-Saison im Juni ein, aber ich fahre erst ab Mitte Juli mit voller Erwartung raus. Der Peak liegt für mich klar im August, wenn das Oberflächenwasser stabil bei 23 bis 24 Grad liegt und die großen Bonitoschwärme sich an den Kanten festgesetzt haben. In diesem Fenster habe ich über die Jahre die meisten Fische jenseits der Achthundert-Pfund-Marke gehakt, und die berühmten Granders der Insel, die legendären Fänge weit über tausend Pfund, fallen fast alle in diese sechs bis acht Wochen zwischen Ende Juli und Mitte September.
Im September wird es noch einmal spannend, wenn die ersten kühleren Nächte die Wassertemperatur leicht drücken und die Fische in Bewegung geraten. Danach, wenn der Oktober näherkommt, dünnt sich das Feld merklich aus. Ich sage neuen Anglern immer, dass sie lieber eine Woche im August riskieren als zwei Wochen im Juni, selbst wenn der Juni auf dem Papier ruhiger und planbarer wirkt.
Wer sich fragt, warum manche Tage an derselben Kante drei Bisse bringen und der nächste Tag am selben Punkt tot bleibt, dem kann ich nur sagen: Ich schaue mittlerweile auf das Zusammenspiel aus Strömung, Mondphase und Wassertemperatur an der jeweiligen Kante. Dafür nutze ich für Madeira mittlerweile die HookIQ App. Die guten Fenster erkennt man erst, wenn man alle drei Faktoren gemeinsam betrachtet.
Mein Fazit
Madeira ist für mich das ehrlichste Granderevier im Ostatlantik, weil die Tiefe so nah an die Küste heranrückt, dass jeder Tag auf See ein echter Tag über wanderndem Blauem Marlin sein kann. Wer im August an den Kanten zwischen Cabo Girão und Ponta de São Lourenço fischt, mit einem groben Spread und der Geduld, auch auf den Pitch-Bait zu warten, hat eine realistische Chance auf den Fisch seines Lebens. Ich habe dort Weibchen gedrillt, die mich nach eineinhalb Stunden mehr geschafft haben als jeder Bluefin vor Sizilien, und genau dafür fahre ich jeden Sommer wieder hinaus.