Sechs Uhr morgens, der Hafen von Cartagena liegt noch im Halbdunkel. Der Skipper reicht mir den Kaffee und deutet auf den Plotter. Drei Temperaturlinien kreuzen sich zwanzig Seemeilen vor der Küste, genau dort, wo das Schelf auf 800 Meter abfällt. „Da standen sie gestern", sagt er. „Und wenn die Strömung hält, stehen sie dort heute wieder." In diesem Moment beginnt für mich jedes Mal das gleiche Kribbeln, das mich seit über drei Jahrzehnten aufs Wasser treibt. Die Jagd auf den Atlantischen Roten Thun, den Bluefin, den König des Mittelmeers.
Ein Fisch, der das Mittelmeer geformt hat
Der Bluefin Tuna ist kein gewöhnlicher Fisch. Er ist ein warmblütiger Hochleistungsjäger, der seine Körpertemperatur bis zu zwanzig Grad über der Wassertemperatur halten kann. Diese Fähigkeit macht ihn zu einem der schnellsten und ausdauerndsten Raubfische der Ozeane. Ausgewachsene Exemplare erreichen über drei Meter Länge und können die 400-Kilo-Marke überschreiten. Im Mittelmeer wurden solche Kolosse vor den Balearen, vor Sizilien und in der Straße von Messina gefangen.
Das Mittelmeer ist für den Bluefin kein beliebiger Lebensraum. Es ist sein Laichgebiet. Jedes Frühjahr wandern die großen Schwärme aus dem Atlantik durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, um sich in den warmen, nährstoffreichen Gewässern fortzupflanzen. Diese Wanderung folgt uralten Routen, die sich über Jahrtausende kaum verändert haben. Die Phönizier wussten schon davon, die Römer bauten ihre Thunfischfallen genau an diesen Korridoren. Und wir als Angler profitieren noch heute davon, wenn wir wissen, wo und wann diese Routen verlaufen.
Wo die Bluefins stehen: Reviere und Hotspots
Das Mittelmeer ist groß, aber die Bluefins nutzen nicht alles davon gleichmäßig. Es gibt Bereiche, die Jahr für Jahr zuverlässig Fisch halten, und es gibt riesige Flächen, auf denen du tagelang trollen kannst, ohne einen einzigen Strike zu bekommen. Der Unterschied liegt in der Topografie des Meeresbodens, der Wassertemperatur und den Strömungsverhältnissen.
Die Balearen gehören zu den besten Bluefin-Revieren im westlichen Mittelmeer. Der Grund dafür ist die Unterwassertopografie: zwischen Mallorca und dem spanischen Festland fällt der Meeresboden auf über 2.000 Meter ab. An den Schelfkanten, dort wo das flache Küstenwasser in die Tiefe abfällt, sammeln sich Baitfish in dichten Schwärmen. Und wo Baitfish stehen, kommen die Bluefins. Ich habe meine besten Fische vor der Südwestküste Mallorcas gefangen, in einem Korridor zwischen Cap de Cala Figuera und der Insel Cabrera, meist zwischen 15 und 30 Seemeilen vor der Küste.
Sizilien und die Straße von Messina sind ein weiterer Klassiker. Die Strömungsverhältnisse zwischen Sizilien und Kalabrien pressen nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche. Das erzeugt eine Nahrungskette, die Sardinen, Makrelen und Stöcker in riesigen Schwärmen anzieht. Die Bluefins folgen diesen Baitballs und lassen sich vor allem an den Strömungskanten antreffen, dort wo zwei Wassermassen unterschiedlicher Temperatur aufeinandertreffen.
Vor der spanischen Küste bei Murcia und Alicante gibt es einen weiteren produktiven Korridor. Die Unterwasserberge, die sogenannten Seamounts, ragen dort aus der Tiefsee auf wenige hundert Meter unter die Oberfläche. Diese Strukturen lenken Strömungen ab und schaffen Auftriebszonen, die Futterfische und damit Bluefins anziehen. Wer die Positionen dieser Seamounts auf seinem Plotter hat, hat einen entscheidenden Vorteil.
Frankreichs Côte d'Azur und Korsika bieten ebenfalls erstklassige Bedingungen, besonders im Hochsommer, wenn die Wassertemperatur die 24-Grad-Marke überschreitet. Die Canyons vor Nizza und das Ligurische Meer sind bekannt für starke Thunfischaktivität zwischen Juli und September.
Was die Wassertemperatur verrät
Wenn es eine einzige Variable gibt, die über Erfolg und Misserfolg beim Bluefin-Angeln im Mittelmeer entscheidet, dann ist es die Wassertemperatur. Bluefins sind zwar warmblütig und können in einem breiten Temperaturspektrum jagen, aber ihre Beute ist es nicht. Die Baitfish, von denen sich die Thunfische ernähren, reagieren extrem empfindlich auf Temperaturgrenzen.
Im Mittelmeer liegt der Sweet Spot für Bluefin-Aktivität an der Oberfläche zwischen 19 und 24 Grad. Unterhalb von 18 Grad stehen die Fische tiefer und sind mit Trolling kaum zu erreichen. Oberhalb von 25 Grad ziehen sie sich ebenfalls in kühlere Schichten zurück. Die spannendsten Stellen sind die Temperaturkanten, dort wo warmes Oberflächenwasser auf kühlere Strömungen trifft. Diese Kanten erkennst du auf modernen SST-Charts als eng beieinanderliegende Farbverläufe.
Ich checke jeden Abend vor einem Törn die aktuellen SST-Daten. Es gibt mittlerweile hervorragende Apps und Websites, die Satellitenbilder der Oberflächentemperatur nahezu in Echtzeit liefern. Wenn du eine klare Temperaturkante zwischen 20 und 22 Grad findest, die sich entlang einer Schelfkante oder eines Seamounts zieht, dann hast du deinen Startpunkt für den nächsten Morgen.
Chlorophyll-Karten sind ein weiterer Baustein. Hohe Chlorophyllkonzentrationen zeigen Planktonblüten an, die wiederum Baitfish anziehen. Die Kombination aus Temperaturkante und Chlorophyll-Gradient an einer Bodenstruktur ist für mich die Dreifaltigkeit des Bluefin-Angelns. Wenn alle drei Faktoren zusammenkommen, stehen die Chancen hervorragend.
Trolling-Setup: Was ich hinter dem Boot fahre
Trolling ist die klassische Methode, um Bluefin im Mittelmeer zu finden und zu fangen. Die Idee ist simpel: du fährst mit dem Boot in moderatem Tempo über vielversprechende Gebiete und schleppst ein Arrangement aus Teasern und Ködern hinter dir her. In der Praxis steckt allerdings ein ganzes Universum an Details in diesem Setup.
Mein Standard-Spread für Bluefin im Mittelmeer besteht aus vier bis sechs Positionen hinter dem Boot. In der Mitte, direkt im Kielwasser, läuft eine große Squid Chain in Purple und Black, 24 Zoll lang, auf der langen Leine etwa 60 bis 80 Meter hinter dem Heck. Links und rechts davon fahre ich zwei Daisy Chains in Green und Yellow auf den mittleren Positionen, etwa 40 bis 50 Meter raus. Die kurzen Positionen, die sogenannten Shotgun und Flat Lines, besetze ich mit Skirted Lures in Blue und White oder mit einem künstlichen Flyer.
Die Trolling-Geschwindigkeit ist entscheidend. Im Mittelmeer trolle ich Bluefin zwischen 6,5 und 8,5 Knoten, je nach Seegang und Ködergröße. Bei ruhiger See und großen Teasern gehe ich auf 7,5 bis 8 Knoten. Bei Welle reduziere ich auf 6,5 bis 7 Knoten, damit die Teaser sauber im Wasser laufen und nicht aus der Oberfläche springen. Ein Teaser, der ständig aus dem Wasser hüpft, schreckt mehr Fische ab als er anlockt.
Die Hookbaits, also die Köder mit Haken, sind bei mir Skirted Lures mit 10/0 oder 12/0 Circle Hooks auf 200 bis 300 Pfund Fluorocarbon-Vorfach. Circle Hooks haben den großen Vorteil, dass sie sich fast immer im Maulwinkel festsetzen, was die Überlebensrate beim Zurücksetzen drastisch erhöht. J-Hooks verwende ich beim Bluefin-Trolling nicht mehr, weil die Fische sich damit zu oft tief haken.
Der Drill: Wenn die Rolle spricht
Es gibt Momente auf See, die du nie vergisst. Der Augenblick, in dem ein Bluefin in deinen Teaser einsteigt, gehört dazu. Du hörst es zuerst. Die Rollenbremse schreit auf, ein Geräusch, das jeden Big-Game-Angler elektrisiert. Die Schnur rast mit 60 bis 80 Metern pro Minute von der Rolle. Dann siehst du den Fisch zum ersten Mal: ein silbriger Torpedo, der 200 Meter hinter dem Boot aus dem Wasser bricht.
Ein großer Bluefin ist kein Fisch, den du mal eben rausdrillst. Ein Exemplar von 150 Kilo aufwärts kann dich über eine Stunde beschäftigen. In meinen dreißig Jahren auf dem Mittelmeer habe ich Drills erlebt, die über drei Stunden dauerten. Der Bluefin nutzt seine Masse und seine Ausdauer. Er geht tief, 100 Meter, 200 Meter, und bleibt dort. Du pumpst und kurbelst, gewinnst fünf Meter, und er nimmt dir wieder zwanzig. Es ist ein Geduldsspiel, das deine Arme, deinen Rücken und deine mentale Stärke fordert.
Mein wichtigster Tipp für den Drill: Lass den Fisch arbeiten, nicht dich. Stell die Bremse so ein, dass sie gerade unter dem Schnurbruch liegt, je nach Line Class zwischen 15 und 20 Kilogramm Zugkraft. Pumpe gleichmäßig und kontrolliert. Hektisches Kurbeln bringt nichts, außer dass du dich verausgabst und der Fisch Schnur gewinnt, weil du den Druck verlierst.
Die Wahl zwischen Stand Up und Fighting Chair hängt von der erwarteten Fischgröße ab. Bis etwa 100 Kilo fische ich gerne Stand Up mit einem Gimbal Belt, weil du mobiler bist und den Fisch besser manövrieren kannst. Ab 150 Kilo aufwärts setze ich mich in die Fighting Chair, weil die Hebelwirkung über Rücken und Beine den entscheidenden Vorteil bringt.
Catch and Release: Respekt am Boot
In den letzten Jahren habe ich mehr Bluefins zurückgesetzt als entnommen. Der Moment, in dem dieser silberne Koloss neben dem Boot liegt und du ihn schwimmen siehst, ist für mich mehr wert als jedes Filet.
Damit Catch and Release funktioniert, muss es richtig gemacht werden. Der wichtigste Faktor ist die Drillzeit. Je länger der Drill, desto erschöpfter der Fisch, und desto geringer die Überlebensrate nach dem Zurücksetzen. Circle Hooks sind hier der erste Baustein, weil sie den Fisch fast immer im Maulwinkel haken und so schwere Verletzungen verhindern. Barbless Hooks, also Haken ohne Widerhaken, erleichtern das Abhaken am Boot erheblich.
Den Fisch niemals aus dem Wasser heben. Ein Bluefin, der sein eigenes Gewicht außerhalb des Wassers tragen muss, erleidet innere Schäden, die von außen nicht sichtbar sind. Stattdessen den Haken am Boot im Wasser lösen, den Fisch kurz stabilisieren, bis er selbstständig abtaucht, und dann loslassen. Wenn er nicht sofort wegschwimmt, halte ihn an der Schwanzwurzel im Wasser und bewege ihn langsam vor und zurück, damit Wasser über die Kiemen strömt. In den meisten Fällen braucht er nur wenige Minuten, bevor er mit einem kräftigen Schwanzschlag in die Tiefe verschwindet.
Saisonale Muster: Wann lohnt sich welches Revier?
Die Bluefin-Saison im Mittelmeer hat einen klaren Rhythmus, der sich an der Wassertemperatur und der Wanderung der Fische orientiert. Ab Mai, wenn die Wassertemperatur über 18 Grad steigt, beginnen die ersten Schwärme durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer zu ziehen. Zu diesem Zeitpunkt sind die westlichen Reviere wie Andalusien, die Balearen und Sardinien die ersten Anlaufstellen.
Im Juni und Juli erreicht die Migration ihren Höhepunkt. Die Fische verteilen sich über das gesamte Mittelmeer, und die Laichaktivität beginnt. In dieser Phase stehen die Bluefins oft an der Oberfläche und sind über Teaserarbeit besonders gut ansprechbar. Die Gewässer vor Sizilien, Malta und dem östlichen Spanien sind jetzt auf dem Höhepunkt.
Ab August verändert sich das Bild. Die Laichzeit ist vorbei, und die Fische beginnen aggressiv zu fressen, um die verlorenen Reserven aufzufüllen. Jetzt werden die größten Exemplare gefangen, weil sie weniger vorsichtig auf Köder reagieren. Der Herbst, September und Oktober, bringt die Rückwanderung Richtung Atlantik. In den westlichen Revieren, besonders vor den Balearen und der spanischen Ostküste, ziehen jetzt die großen Einzelgänger durch. Fische jenseits der 200-Kilo-Marke, die sich auf dem Rückweg nach Gibraltar mit allem vollstopfen, was sie finden.
November und Dezember sind für die meisten Angler das Ende der Saison. Aber wer flexibel ist und die Wetterlagen nutzt, kann vor den Balearen und vor der nordafrikanischen Küste auch im Spätherbst noch Bluefins antreffen. Die Fische stehen dann tiefer, und Trolling wird schwieriger. Deep Jigging oder Drifting mit Naturködern auf Tiefe sind in dieser Phase die effektiveren Methoden.
Drei Dinge, die ich jedem Bluefin-Angler im Mittelmeer sage
Erstens: Lerne, die Wassertemperatur zu lesen. SST-Charts und Chlorophyll-Daten sind heute frei verfügbar und der Schlüssel zu produktiven Törns. Wer blind raustrollt, ohne die Temperaturverhältnisse zu kennen, verschenkt die Hälfte seiner Chancen.
Zweitens: Investiere in dein Teaser-Setup. Die Qualität deiner Daisy Chains, Squid Chains und Skirted Lures entscheidet darüber, ob ein Bluefin in dein Kielwasser einsteigt oder weiterzieht. Billige Teaser laufen schlecht, verlieren ihre Farbe und fischen nicht sauber. Gute Teaser kosten, aber sie fangen.
Drittens: Respektiere den Fisch. Ob du ihn mitnimmst oder zurücksetzt, geh mit Sorgfalt vor. Ein Bluefin im Mittelmeer ist ein Privileg. Die Bestände haben sich in den letzten fünfzehn Jahren erholt, und das sollte uns allen etwas wert sein.
Tight Lines und ruhige See.