Technik 9 Min. Lesezeit

Bonito vor Sizilien: Leichtes Spinnfischen auf die kleinen Vorboten

Bevor die großen Bluefins kommen, gehört die Straße von Messina den Bonitos. So findest du die Schwärme und bringst sie mit Metall an den Haken.

Bonito
TunaIQ Mascot
TunaIQ Autor · Big-Game-Experte
Bonito vor Sizilien: Leichtes Spinnfischen auf die kleinen Vorboten

Sechs Uhr morgens, der kleine Hafen von Milazzo liegt noch im Schatten des Monte di Milazzo. Die Luft riecht nach Diesel und Salz, ein Fischer sortiert Sardinen in Styroporkisten, und vor uns öffnet sich die Straße von Messina wie ein Tor zum offenen Tyrrhenischen Meer. Irgendwo da draußen, zwischen den Strömungslinien und den Sardinen, jagen die Bonitos. Und genau die wollen wir heute.

Warum der Bonito mehr Respekt verdient

In der Big-Game-Szene wird der Bonito oft belächelt. Zu klein, zu häufig, zu wenig Trophäe. Wer so denkt, hat nie einen drei Kilo schweren Sarda sarda an der Spinnrute gedrillt. Der Bonito ist ein kompakter Torpedo mit einem Herz, das so schnell schlägt wie das keines anderen Fisches seiner Größe. Er kämpft weit über seiner Gewichtsklasse, zieht Schnur wie ein Besessener und gibt nicht auf, bis er im Kescher liegt. Oder bis er sich losschüttelt, was häufiger vorkommt, als man zugeben möchte.

Für mich sind die Bonitos aber noch etwas anderes: Vorboten. Wenn im Juni die ersten Schwärme in die Straße von Messina einziehen, folgen ihnen mit ein paar Wochen Abstand die Blüfins. Die Bonitos kommen mit den Sardinen, und die Sardinen kommen mit dem warmen Wasser. Wer die Bonitos findet, versteht die Strömung, die Temperatur und die Beutebewegungen dieses Reviers. Und genau dieses Verständnis zahlt sich später in der Blüfin-Saison aus.

Die Straße von Messina: Ein Revier wie kein anderes

Die Meerenge zwischen Sizilien und Kalabrien ist keine normale Küstengewässerzone. Hier prallen das Tyrrhenische Meer und das Ionische Meer aufeinander, Strömungen wechseln mit den Gezeiten, Temperaturunterschiede von zwei bis drei Grad liegen manchmal nur hundert Meter auseinander. Diese Dynamik erzeugt ein Phänomen, das Angler auf der ganzen Welt suchen: eine natürliche Futterfalle.

Die Strömung presst Sardinen und Anchovis an die Oberfläche, treibt sie zusammen, schneidet ihnen den Fluchtweg ab. Genau an diesen Engstellen warten die Bonitos. Manchmal in Schwärmen von dreißig, vierzig Fischen, manchmal in losen Gruppen, die sich über hundert Meter verteilen. Das Muster ist fast immer das gleiche: Dort, wo die Strömungskante verläuft, dort stehen die Fische.

Von Milazzo aus bin ich meist in zwanzig bis dreißig Minuten am Wasser. Die ersten produktiven Zonen beginnen schon vor Capo Peloro, der Nordostspitze Siziliens. Wer tiefer in die Meerenge hineinfährt, Richtung Reggio Calabria, findet oft weniger Bootsdruck und genauso viel Fisch. Entscheidend ist nicht der exakte Spot, sondern die Fähigkeit, die Strömungslinien zu lesen.

Köderfisch finden heißt Bonito finden

Bevor ich überhaupt den ersten Wurf mache, fahre ich. Langsam, mit offenen Augen, das Echolot im Blick. Was ich suche, sind keine Bonitos auf dem Bildschirm. Ich suche Köderfisch. Sardinen zeigen sich als dichte, kompakte Wolken im Mittelwasser, meist zwischen fünf und fünfzehn Metern Tiefe. Anchovis stehen oft noch flacher, manchmal so dicht unter der Oberfläche, dass man das silberne Flimmern mit bloßem Auge sieht.

Die Vögel sind mein zweites Echolot. Sturmtaucher und Mittelmeermöwen kreisen nicht grundlos über bestimmten Stellen. Wenn sich drei, vier Vögel über einem Punkt sammeln und anfangen, tiefer zu fliegen, ist fast immer Köderfisch darunter. Und wo Köderfisch ist, sind Räuber nicht weit.

Ein Trick, den mir ein sizilianischer Fischer vor Jahren gezeigt hat: Achte auf die Farbe des Wassers. In der Straße von Messina gibt es sichtbare Farbgrenzen, wo kälteres, grünlicheres Wasser auf wärmeres, tiefblaüs trifft. Genau an diesen Übergängen sammelt sich das Plankton, und genau dort ballen sich die Sardinen. Die Bonitos patrouillieren entlang dieser Linien wie Wölfe entlang eines Wildwechsels.

Das richtige Gerät: Leicht muss es sein

Wer mit schwerem Big-Game-Geschirr auf Bonito geht, beraubt sich um neunzig Prozent des Erlebnisses. Ein Bonito von zwei bis vier Kilo an einer 50-Pfund-Standup-Rute fühlt sich an wie nichts. Derselbe Fisch an einer leichten Spinnrute mit 10 bis 20 Gramm Wurfgewicht verwandelt sich in einen ernsthaften Gegner.

Mein Setup für die Bonito-Jagd vor Sizilien ist simpel. Eine 2,40 Meter lange Spinnrute mit einem Wurfgewicht von 10 bis 30 Gramm, dazu eine 3000er Stationärrolle, bespult mit 0,10er Geflochtener. Als Vorfach verwende ich 40 Zentimeter Fluorocarbon in 0,30 Millimeter. Der Bonito hat keine Zähne, die durch Mono oder Fluoro kommen, aber er hat Augen wie ein Habicht. In dem klaren Wasser vor Sizilien macht ein zu dickes Vorfach den Unterschied zwischen zehn Bissen und keinem einzigen.

Wichtig ist die Bremse. Bonitos starten explosiv, und wenn die Bremse zu fest steht, reißt entweder das Vorfach oder der Haken schlitzt aus. Ich stelle die Bremse so ein, dass ein kräftiger Zug mit der Hand gerade eben Schnur von der Rolle zieht. Das klingt weich, aber glaub mir: wenn ein Bonito mit Vollgas losrennt, wirst du froh sein, dass die Bremse nachgibt, statt dass der 6er Einzelhaken im Maulwinkel ausreißt.

Metallköder: Der Schlüssel zum Bonito

Es gibt viele Wege, einen Bonito zu fangen. Kleine Popper funktionieren, Stickbaits können tödlich sein, und ein lebender Köderfisch am Haken ist sowieso das Nonplusultra. Aber wenn ich ehrlich bin, greife ich vor Sizilien in neun von zehn Fällen zu Metall. Und zwar aus einem einfachen Grund: Reichweite und Geschwindigkeit.

Bonito-Schwärme tauchen auf und verschwinden. Manchmal hast du dreißig Sekunden, um einen Köder in die Fresszone zu bringen, bevor der Schwarm wieder abtaucht. Ein 20-Gramm-Blechpilker fliegt fünfzig, sechzig Meter weit und sinkt schnell genug, um auch Fische zu erreichen, die schon wieder auf dem Weg nach unten sind. Kein Wobbler und kein Popper kann das.

Meine drei Favoriten sind klassische Castingjigs zwischen 15 und 30 Gramm in schlanker, länglicher Form. Farben sind weniger entscheidend, als viele glauben. Silber funktioniert immer, weil es eine Sardine imitiert. Silber mit blaüm Rücken ist meine erste Wahl bei klarem Wasser und Sonnenschein. Und ein einfacher, blanker Pilker ohne Lackierung funktioniert an Tagen, an denen die Bonitos so aggressiv fressen, dass sie auf alles gehen, was blitzt.

Die Führung ist entscheidend. Bonitos jagen schnelle Beute. Ein langsam geführter Gummifisch interessiert sie nicht. Ich werfe den Jig aus, lasse ihn zwei, drei Sekunden absinken und kurbele dann schnell ein, mit kurzen, harten Schlägen über die Rutenspitze. Der Jig soll flattern, blitzen, die Richtung wechseln, wie eine panische Sardine, die um ihr Leben schwimmt. Der Biss kommt fast immer in der schnellen Phase, nicht in der Absinkphase. Und er kommt hart. So hart, dass du den Anschlag nicht setzen musst, sondern der Fisch das für dich erledigt.

Schwarmtaktik: Wie man einen Bonito-Schwarm systematisch befischt

Das Finden des Schwarms ist die halbe Miete. Die andere Hälfte ist, ihn richtig zu befischen, ohne ihn zu vergrämen. Bonitos sind Schwarmfische mit einem kurzen Gedächtnis, aber einem feinen Gespür für Gefahr. Ein Boot, das mit Vollgas in einen fressenden Schwarm rast, sieht diesen Schwarm für den Rest des Tages nicht wieder.

Meine Methode ist die Folgende. Sobald ich Oberflächenaktivität sehe, ob Spritzer, Vögel oder das charakteristische Aufkochen des Wassers, drossele ich den Motor auf Schleichfahrt. Fünfzig Meter vor der Aktivität stelle ich den Motor ab und lasse das Boot treiben. Dann werfe ich. Der erste Wurf geht nicht in die Mitte des Schwarms, sondern an den Rand. Bonitos am Rand sind hungriger, weil sie weniger vom Futter abbekommen. Sie beißen schneller und kämpfen verbissener.

Nach dem ersten Fisch mache ich etwas, das vielen Anglern schwerfällt: Ich warte. Dreißig Sekunden, eine Minute. Ich beobachte, wohin der Schwarm zieht. Bonitos bewegen sich fast immer gegen die Strömung, und sie folgen dem Köderfisch. Wenn ich sehe, dass die Spritzer sich nach Norden verlagern, positioniere ich das Boot so, dass ich den Schwarm von der Seite anwerfen kann, statt von hinten hinterherzufahren.

An guten Tagen bleibt ein Bonito-Schwarm über Stunden aktiv. An solchen Tagen fange ich fünfzehn, zwanzig Fische, und jeder einzelne kämpft, als ob sein Leben davon abhängt. Was es natürlich tut. An schlechten Tagen verschwindet der Schwarm nach fünf Minuten in der Tiefe. Dann heißt es: weitersuchen, Strömungskanten abfahren, Vögel beobachten, und geduldig sein. Die Straße von Messina gibt immer etwas her. Man muss nur bereit sein, dafür zu arbeiten.

Wann und wo: Timing in der Meerenge

Die Bonito-Saison vor Sizilien beginnt Ende Mai und zieht sich bis in den Oktober. Der absolute Höhepunkt liegt im Juni und Juli, wenn die Wassertemperatur zwischen 20 und 23 Grad liegt und die Sardinen in dichten Schwärmen durch die Meerenge ziehen. Im Hochsommer, August, verlagert sich die Aktivität oft in die frühen Morgen- und späten Abendstunden, weil die Mittagshitze auch die Fische träge macht.

Die beste Tageszeit ist für mich der frühe Morgen, von Sonnenaufgang bis etwa neun Uhr. In diesen Stunden ist die Strömung oft am stärksten, die Köderfische am dichtesten gepackt und die Bonitos am aggressivsten. Ein zweites Zeitfenster öffnet sich am späten Nachmittag, wenn die Sonne tiefer steht und das Licht weicher wird. Zwischen elf und fünfzehn Uhr passiert meistens wenig, es sei denn, eine besonders starke Strömungsphase drückt frischen Köderfisch an die Oberfläche.

Was die Gezeiten betrifft: In der Straße von Messina spielt der Gezeitenwechsel eine größere Rolle als in den meisten anderen Mittelmeerrevieren. Der Wechsel von auflaufendem zu ablaufendem Wasser erzeugt starke Strömungen, die den Köderfisch konzentrieren. Ich habe die besten Erfahrungen in den zwei Stunden vor und nach dem Gezeitenwechsel gemacht. Genau in dieser Übergangsphase geraten die Sardinenschwärme in Bewegung, und die Bonitos nutzen das Chaos.

Was vom Tag bleibt

Der Bonito ist kein Rekordfisch und keine Trophäe für die Wand. Aber er ist ein ehrlicher Gegner, der dir mehr über das Meer beibringt, als mancher Blüfin es je könnte. Wer lernt, die Strömungskanten zu lesen, die Vögel zu deuten und einen Metallköder so zu führen, dass er wie eine fliehende Sardine aussieht, der hat Fähigkeiten im Gepäck, die weit über den Bonito hinausgehen.

Für mich gehören die Junitage in der Straße von Messina zu den schönsten des Angeljahres. Leichtes Gerät, schnelle Fische, ein Revier, das sich mit jedem Gezeitenwechsel neu erfindet. Und das Wissen, dass die Bonitos nur die Vorboten sind. Dass irgendwann im Juli, wenn das Wasser warm genug ist und die Sardinenschwärme groß genug, die ersten Schatten der großen Blüfins durch die Meerenge ziehen werden.

Bis dahin genieße ich jeden einzelnen Bonito. Und jeder einzelne hat es verdient.

Tags
#bonito #sizilien #spinnfischen #metallkoeder #strasse-von-messina #leichtes-geschirr #schwarmtaktik
Tight Lines und mare calmo!
Powered by HookIQ TUNA