Praxis 6 Min. Lesezeit

Catch and Release bei Großfisch: So schonst du jeden Fang

Wer Großfisch zurücksetzen will, muss mehr tun als den Haken lösen. TunaIQ erklärt, worauf es bei Landungszeit, Handschuhen und Wasserhaltung wirklich ankommt.

Bluefin Yellowfin Marlin
TunaIQ Mascot
TunaIQ Autor · Big-Game-Experte
Catch and Release bei Großfisch: So schonst du jeden Fang

Es gibt diesen Moment, kurz bevor der Fisch zum ersten Mal neben dem Boot auftaucht, in dem du eine Entscheidung triffst. Du siehst den massiven Körper unter der Oberfläche schimmern, die breite Sichel der Schwanzflosse, und du weißt: dieser Fisch geht zurück. Aber ob er die nächsten Stunden überlebt, hängt nicht davon ab, ob du ihn zurücksetzt. Es hängt davon ab, wie du ihn zurücksetzt.

Warum die Landungszeit über Leben und Tod entscheidet

In über dreißig Jahren Big Game auf dem Mittelmeer und dem Atlantik habe ich eines gelernt: der Drill tötet mehr Fische als der Haken. Was im Körper eines Bluefin oder Marlin passiert, wenn er gegen schweres Gerät kämpft, ist physiologischer Extremsport. Die Muskeln arbeiten anaerob, Laktat flutet das Blut, der pH-Wert sackt ab, die Körpertemperatur steigt. Ein Bluefin, der dreißig Minuten gegen Stand-Up-Gerät kämpft, erholt sich in der Regel vollständig. Ein Bluefin, der neunzig Minuten an zu leichtem Gerät hängt, stirbt möglicherweise noch Stunden nach dem Release an den Folgen der Erschöpfung.

Die Konsequenz ist klar: wer zurücksetzen will, muss schnell landen. Das bedeutet nicht, dass du den Fisch mit roher Gewalt ans Boot prügelst. Es bedeutet, dass du angemessenes Gerät fischst. Für Bluefin im Mittelmeer heißt das 80er oder 130er Line Class, keine 30er Klasse, mit der du den Drill sportlich in die Länge ziehst. Für Yellowfin vor den Kanaren reicht oft eine 50er oder 80er Klasse, wenn du technisch sauber drillst und die Rolle ordentlich eingebremst ist. Beim Marlin gilt die Faustregel: wenn der Fisch nach dem vierten Sprung nicht näher kommt, bist du zu leicht unterwegs.

Ich habe mir angewöhnt, die Drillzeit im Kopf mitzuzählen. Bis zwanzig Minuten bleibe ich gelassen. Ab dreißig Minuten erhöhe ich den Druck. Und wenn es über vierzig Minuten hinausgeht, muss ich ehrlich abwägen, ob ein Release überhaupt noch sinnvoll ist oder ob ich dem Fisch damit nur einen langsamen Tod nach dem Absinken beschere. Diese ehrliche Selbsteinschätzung gehört zum verantwortungsvollen Catch and Release dazu.

Die richtigen Handschuhe: Schutz für den Fisch, nicht für den Angler

Über Handschuhe wird auf jedem Boot diskutiert. Die meisten Angler greifen zu rauen Arbeitshandschuhen, weil sie Grip wollen. Genau das ist der Fehler. Jeder Großfisch trägt eine Schleimschicht auf der Haut, die ihn vor Bakterien, Parasiten und Infektionen schützt. Raue Baumwollhandschuhe, Lederhandschuhe oder Handschuhe mit gummierter Grifffläche reiben diese Schicht großflächig ab. Der Fisch schwimmt zwar davon, trägt aber offene Flanken, an denen sich innerhalb von Stunden Pilzinfektionen festsetzen können.

Was stattdessen funktioniert, sind nasse, weiche Neoprenhandschuhe oder spezielle Fischhandschuhe mit glatter Innenfläche. Ich nutze seit Jahren dünne Neoprenhandschuhe, wie man sie vom Tauchen kennt, in drei Millimeter Stärke. Sie geben genug Gefühl, um sicher zuzupacken, und die glatte Oberfläche gleitet über die Schleimschicht, statt sie abzuschaben. Vor jedem Griff tauche ich die Handschuhe kurz ins Wasser. Nass auf nass. Das reduziert die Reibung nochmals erheblich.

Ein Detail, das oft vergessen wird: auch die Unterarme können Schaden anrichten. Wer einen Yellowfin von fünfzig Kilo am Bootsrand stabilisiert, lehnt sich mit dem Unterarm oft über den Fischkörper. Ein trockener Unterarm auf nasser Fischhaut wirkt wie Schleifpapier. Also Ärmel hoch, Arme nass machen, und wenn es geht, ein feuchtes Handtuch unterlegen.

Wasserhaltung: der Fisch gehört ins Wasser

Das klingt offensichtlich, und trotzdem sehe ich auf jedem zweiten Boot das Gegenteil. Der Fisch wird komplett aus dem Wasser gehoben, auf die Plattform gezogen, es wird nach dem Handy gesucht, der Mate fummelt am Haken, jemand ruft nach der Kamera, und der Fisch liegt drei, vier, fünf Minuten auf dem trockenen Deck. Für einen Bluefin von hundertfünfzig Kilo oder einen Marlin, der gerade einen Drill von dreißig Minuten hinter sich hat, ist das katastrophal.

Großfische sind nicht dafür gebaut, ihr eigenes Gewicht ohne den Auftrieb des Wassers zu tragen. An Land drückt die Schwerkraft auf die inneren Organe. Die Kiemen kollabieren ohne Wasserfluss, und der Fisch kann nicht atmen. Gleichzeitig steigt die Körpertemperatur weiter an, weil die Kühlung durch das umgebende Wasser fehlt. Was nach einem kurzen Moment auf Deck aussieht, kann den Unterschied zwischen einem Fisch, der kräftig davonschwimmt, und einem Fisch, der nach dem Abtauchen verendet, bedeuten.

Die Methode, die ich auf meinen Booten durchsetze, ist simpel: der Fisch bleibt im Wasser. Immer. Wir arbeiten am Bootsrand, der Fisch liegt parallel zum Rumpf, mindestens zur Hälfte untergetaucht. Der Haken wird mit einer langen Zange oder einem Dehooker gelöst, ohne den Fisch herauszuheben. Wenn jemand ein Foto will, dann vom Bootsrand aus, mit dem Fisch im Wasser. Kein Herausheben für die Kamera. Kein Posing auf Deck.

Besonders bei Marlin hat sich eine Technik bewährt, die immer mehr Crews übernehmen: der Tag-and-Release direkt am Leader. Der Mate greift den Leader, setzt den Satellitenmarker oder den konventionellen Tag, und der Fisch wird abgeschüttelt oder mit einer schnellen Drehung des Circle Hooks befreit, ohne ihn jemals an Bord zu nehmen. Der gesamte Vorgang dauert unter einer Minute.

Die Erholung am Boot: nimm dir die Zeit

Was nach dem Lösen des Hakens kommt, ist genauso wichtig wie alles davor. Ein erschöpfter Großfisch braucht Zeit, um sich zu erholen, bevor du ihn loslässt. Ich halte den Fisch am Bootsrand im Wasser, die Hand locker um den Schwanzstiel, und fahre langsam vorwärts. Das Wasser strömt durch die Kiemen und versorgt den Fisch mit Sauerstoff. Du spürst, wie die Kraft zurückkehrt. Erst zaghaft, dann stärker. Wenn der Fisch beginnt, aktiv gegen deinen Griff zu arbeiten und sich mit eigenem Antrieb nach unten drückt, ist er bereit. Dann lässt du los.

Lass niemals einen Fisch gehen, der sich auf die Seite dreht oder passiv an der Oberfläche treibt. Dieser Fisch braucht noch Zeit. Halte ihn aufrecht, halte die Strömung aufrecht, und warte. Auch wenn es zehn Minuten dauert. Diese zehn Minuten entscheiden darüber, ob dein Release ein echter Release war oder nur ein verzögertes Sterben.

Was ich aus dreißig Jahren mitgenommen habe

Catch and Release bei Großfisch ist keine Technik, die man einmal lernt und dann beherrscht. Es ist eine Haltung, die mit jeder Saison reift. Ich habe in meinen Anfangsjahren Fehler gemacht, die ich heute bereue. Fische zu lange gedrillt, zu trocken angefasst, zu lang an Deck gehabt. Heute weiß ich: ein guter Release beginnt schon bei der Wahl des Geräts, lange bevor der erste Fisch beißt. Er setzt sich fort in der Disziplin, den Drill kurz zu halten, den Fisch im Wasser zu bearbeiten und ihm die Erholungszeit zu geben, die er braucht.

Wenn du einen Großfisch in die Freiheit entlässt und siehst, wie er mit einem kräftigen Schlag der Schwanzflosse in der Tiefe verschwindet, dann weißt du, dass du alles richtig gemacht hast. Das ist das bessere Trophäenfoto.

Tight Lines und faire See.

Tags
#catch-and-release #schonung #grossfisch #handling #big-game-ethik
Calm seas and bent rods!
Powered by HookIQ TUNA