Kurz vor sechs, der Hafen liegt noch im Halbdunkel, irgendwo klappert eine Fender gegen die Bordwand. Genau in diesem Moment, bevor auch nur eine Leine losgemacht wird, entscheidet sich, ob der Tag gut wird oder ob er zur Geschichte wird, die man lieber nicht erzählt. Ich habe in dreißig Jahren mehr Törns abgesagt, als ich zählen kann, obwohl das Boot startklar und die Crew heiß war. Wer zum ersten Mal offshore geht, unterschätzt fast immer, wie viel Arbeit vor dem Ablegen liegt. Die gute Nachricht: diese Arbeit ist lernbar, und sie macht am Ende den Unterschied zwischen einem entspannten Tag am Riff und einer Situation, in der plötzlich niemand mehr weiß, wer was zu tun hat.
Das Wetterfenster ist die erste Entscheidung, nicht die letzte
Viele Erstfahrer schauen sich die Vorhersage für den Angeltag an und fertig. Ich schaue mir drei Tage an, nicht einen. Wind und Welle bauen sich selten aus dem Nichts auf, meistens kündigt sich eine Front schon 48 bis 72 Stunden vorher an, und genau in diesem Fenster entscheide ich, ob ein Törn überhaupt sinnvoll ist. Für eine unerfahrene Crew ziehe ich persönlich eine klare Linie bei 15 Knoten Wind und 1,2 bis 1,5 Metern Welle. Alles darüber macht das Trollen unangenehm, das Handling am Heck gefährlich und die Seekrankheit an Bord garantiert. Auf dem Atlantik vor den Kanaren oder den Azoren kann sich das Bild innerhalb weniger Stunden drehen, weil die Inseln selbst lokale Windsysteme erzeugen. Im Mittelmeer, wo ich die meisten meiner Bluefin-Touren fahre, ist es oft der Mistral oder die Bora, die aus heiterem Himmel dreißig Knoten bringen, während die App am Vortag noch zehn versprochen hat. Ich vergleiche deshalb immer mindestens zwei unabhängige Modelle miteinander, bevor ich eine Zusage gebe, und ich sage eine Tour lieber einen Tag vorher ab als mittendrin umzudrehen. Ein Umkehren mit einer verängstigten Erstlings-Crew an Bord ist eine der unangenehmsten Situationen, die ich kenne, und sie lässt sich mit ein wenig Geduld am Vortag fast immer vermeiden.
EPIRB und Rettungsweste sind kein Papierkram
Ein EPIRB, also der Notsender mit 406 Megahertz und eigenem GPS, gehört für mich zur Grundausstattung wie die Rutenhalter. Das Gerät sendet im Ernstfall die exakte Position an die Seenotrettung, weltweit, unabhängig vom Handynetz, das ohnehin ab wenigen Meilen vor der Küste tot ist. Wichtig ist die Registrierung bei der zuständigen nationalen Behörde, ohne die läuft im Ernstfall wertvolle Zeit ins Leere, weil niemand weiß, zu welchem Boot das Signal gehört. Ich teste die Batterie einmal im Jahr und kontrolliere die Hydrostatic Release Unit, die das Gerät bei einem Kentern automatisch auslöst, auch wenn niemand mehr die Hand frei hat, um es selbst zu aktivieren. Bei der Rettungsweste bin ich kompromisslos: automatisch aufblasende Westen mit mindestens 150 Newton Auftrieb, für jede Person an Bord eine, dazu Schrittgurt, damit die Weste im Wasser nicht über den Kopf rutscht. Die Aufblaspatrone tausche ich jährlich, unabhängig davon, ob sie schon einmal benutzt wurde, denn Salzluft und Feuchtigkeit setzen der Mechanik mehr zu, als man glaubt. Wer zum ersten Mal mitfährt, bekommt von mir vor dem Ablegen die Weste angepasst, nicht nur gezeigt. Eine Weste, die im Schrank bleibt, weil sie beim Trollen als lästig empfunden wird, nützt niemandem.
Wer an Bord welche Rolle hat, muss vor dem Ablegen klar sein
Auf einem Big-Game-Boot arbeiten mehrere Leute gleichzeitig, und wenn plötzlich vier Ruten singen oder das Wetter dreht, ist keine Zeit mehr, um Aufgaben zu verteilen. Ich lege deshalb schon am Steg fest, wer was macht. Der Skipper führt das Boot und behält die Instrumente im Auge, Wind, Kurs, Tiefe, Treibstoff. Der Mate koordiniert am Heck, holt Leinen ein, bereitet den Gaff vor und gibt Ansagen an die Crew. Bei einem Drill übernimmt jemand fest den Stuhl oder das Stand-Up-Gurtzeug, während eine zweite Person ausschließlich die freien Ruten im Auge behält, damit sich niemand in den Leinen verheddert. Für den Notfall gilt dasselbe Prinzip. Eine Person ist für den Funkkontakt über Kanal 16 verantwortlich, eine andere weiß, wo die Rettungsinsel sitzt und wie die Auslösung funktioniert, eine dritte kennt die Lage der Bilgenpumpe und des Feuerlöschers. Diese Rollen wechseln nicht während der Fahrt, sie stehen vor dem Ablegen fest, genau wie beim Drill die Position am Fighting Chair feststeht. Ich habe erlebt, wie eine eingespielte Crew einen platzenden Kraftstoffschlauch in unter zwei Minuten unter Kontrolle hatte, einfach weil jeder sofort wusste, was seine Aufgabe war, ohne dass jemand erst fragen musste.
Das Briefing vor dem Ablegen dauert fünf Minuten und entscheidet über den Tag
Bevor die Leinen losgehen, versammle ich die gesamte Crew im Cockpit, auch die, die schon zwanzig Mal dabei waren. Ich zeige den Sammelpunkt bei einem Alarm, die Lage der Rettungsweste jedes Einzelnen, den Standort der Rettungsinsel und wie sie ausgelöst wird, den Feuerlöscher, die Bilgenpumpe und den Erste-Hilfe-Kasten. Ich erkläre das Mann-über-Bord-Manöver, wer den Kill-Switch bedient, wer den Ring wirft, wer das Boot dreht. Und ich sage klar, wie das Boot bei Seekrankheit reagiert, wo man sich am besten hinsetzt und dass es niemandem peinlich sein muss, früh Bescheid zu geben, bevor es unangenehm wird. Dieses Briefing ist bei mir nicht verhandelbar, egal wie erfahren die Crew wirkt oder wie sehr alle schon aufs Wasser wollen. Ich hinterlasse außerdem immer einen Fahrtplan an Land, bei der Hafenmeisterei oder bei jemandem, der weiß, wann wir zurück sein sollten und wen er anruft, falls wir es nicht sind. Das kostet fünf Minuten am Steg. Im Ernstfall sind das die fünf Minuten, die den Unterschied machen zwischen einer Geschichte, die man am Abend bei einem Bier erzählt, und einer, die man gar nicht erst erleben will.
Mein Fazit
Die erste Offshore-Tour beginnt schon Tage vorher bei der Wetterkarte und am Steg beim Anpassen der Rettungsweste, lange bevor der erste Teaser im Kielwasser läuft. Ein sauberes Wetterfenster, funktionierende Sicherheitstechnik, klare Rollen an Bord und ein ehrliches Briefing sind die Basis, auf der jeder gute Fangtag steht. Ich selbst nutze für die Planung dieser Fenster inzwischen gern die HookIQ-App, weil sie mir Wind, Welle und Strömung an einer Stelle zusammenführt und ich auf einen Blick sehe, wann ein Törn wirklich passt. Wer diese Grundlagen einmal verinnerlicht hat, fährt entspannter raus und kann sich dort auf das Wesentliche konzentrieren, wo die Arbeit eigentlich Spaß macht, am Heck, wenn die Rolle das erste Mal spricht.