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Weißer Marlin auf den Azoren: Lure-Trolling im Spätsommer

Der Weiße Marlin ist der schnellste, nervöseste Billfish der Azoren. Wie du ihn im Spätsommer über der Condor-Bank mit dem richtigen Lure-Spread und einem sauberen Drop-back an den Haken bekommst.

Marlin
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TunaIQ Autor · Big-Game-Experte
Weißer Marlin auf den Azoren: Lure-Trolling im Spätsommer

Es ist kurz nach sieben, die Sonne hängt noch flach über Pico, und wir stehen zwölf Meilen südwestlich von Horta über einem Berg, den man nicht sieht. Unter uns fällt der Grund von tausend Metern auf keine zweihundert herauf und wieder ab. Genau hier, am Rand der Condor-Bank, hebt sich in der Ferne etwas Sichelförmiges aus der langen Welle, verschwindet, taucht wieder auf. Ein Rückenkamm. Ein Weißer. Und plötzlich ist die ganze Müdigkeit der Anfahrt weg.

Der Weiße Marlin ist nicht der Fisch, für den die meisten auf die Azoren kommen. Die großen Namen hier sind die Blues, die Grander, die Fische jenseits der fünfhundert Pfund, die diesem Archipel im Spätsommer seinen Ruf geben. Aber wer den Weißen unterschätzt, macht einen Fehler. Er ist der nervöseste, schnellste und ehrlich gesagt der frustrierendste Billfish, den du im Atlantik hakst. Und wenn du ihn einmal verstanden hast, wird er zu einer eigenen Sucht.

Warum die Condor-Bank im Spätsommer liefert

Die Azoren liegen mitten im Atlantik, vulkanische Inseln, um die herum das Wasser sofort tief wird. Das ist der ganze Trick an diesem Revier. Du musst nicht stundenlang rausfahren wie in vielen anderen Big-Game-Destinationen. Von Horta bist du in gut einer Stunde über Grund, der Billfish hält.

Die Condor-Bank ist so ein Grund. Ein untermeerischer Berg, ein Seamount, der die Strömung zwingt aufzusteigen. Dieses aufsteigende Wasser bringt Nährstoffe nach oben, dahinter kommen die Köderfische, und dahinter kommen die Räuber. Im August und September, wenn das Oberflächenwasser auf vierundzwanzig, fünfundzwanzig Grad steht und die Wärmebänder stabil liegen, sammeln sich hier Blaue und Weiße Marline, dazu Bigeye und Wahoo. Der Weiße mag es dabei einen Tick wärmer und oberflächennäher als der Blaue. Wenn ich die kleinen Fetzen aus Bonito und fliegenden Fischen an der Kante sehe, an den Strömungskanten, wo glattes und gekräuseltes Wasser aufeinandertreffen, dann weiß ich, dass wir am richtigen Platz sind.

Der Spätsommer ist deshalb so gut, weil die See ruhiger wird und die Fische hoch stehen. Ein Weißer, der oben im warmen Wasser jagt, ist ein Weißer, der deinen Spread sieht. Und darum geht in diesem Spiel alles: Der Fisch muss deine Köder zuerst finden, bevor du überhaupt eine Chance auf einen Biss hast.

Der richtige Spread für den Weißen

Der Fehler, den ich am Anfang gemacht habe und den ich an vielen Booten sehe, ist zu groß zu denken. Wer aus der Blue-Marlin-Ecke kommt, schleppt gern die dicken Brummer, zehn, zwölf Zoll, schwere Köpfe, viel Wasserverdrängung. Für einen Blauen ist das goldrichtig. Der Weiße dagegen hat ein kleineres Maul und einen kritischeren Blick. Auf die ganz großen Skirted-Lures kommt er zwar hoch, aber er bekommt sie schlecht ins Maul, und du steigst reihenweise aus.

Ich fahre für gezieltes Weißfischen einen kleineren, aggressiveren Spread. Meine Arbeitspferde sind Skirted-Lures zwischen sechs und neun Zoll, Jet-Heads und schlanke Bullet-Köpfe, die eine feine Blasenspur ziehen, dazu ein paar flache Chugger, die an der Oberfläche spritzen. Farblich verlasse ich mich auf wenige erprobte Muster. Pink-Weiß ist mein erster Griff, dann Blau-Weiß, dazu ein dunkles Lumo oder Schwarz-Violett für flaches Licht am frühen Morgen. Und wenn Dorados im Wasser stehen, läuft irgendwo im Spread immer ein Grün-Gelb mit.

Die Köder verteile ich klassisch über die Outrigger und die Flat-Lines. Kurze Rigger dicht am Boot, lange Rigger weiter hinten, zwei flache Leinen direkt am Heck und ganz hinten, weit draußen im sauberen Wasser, der Shotgun. Sechs Ruten, nicht mehr, sonst verheddert sich beim Weißen im Drill zu schnell etwas. Die Schleppgeschwindigkeit liegt bei mir zwischen siebeneinhalb und achteinhalb Knoten. Das ist zügig, aber genau das mag der Weiße. Ein Köder, der arbeitet, der bei jeder Welle kurz aus dem Wasser springt und wieder eintaucht, reizt ihn mehr als ein satt durchziehender Brocken.

Der Spreader als Wecker

Der wichtigste Teil meines Setups trägt gar keinen Haken. Ganz dicht hinter dem Boot, im ersten und zweiten Wellenberg des Kielwassers, läuft ein Spreader. Diese Teaser-Konstruktion aus mehreren Squids oder kleinen Bird-Ködern an einem Ausleger täuscht einen ganzen Schwarm fliehender Köderfische vor. Kein einzelner Köder wirkt so, das schafft nur die Masse. Für den Weißen, der auf Sicht jagt, ist der Spreader oft der eigentliche Auslöser. Er sieht das Gewusel, kommt neugierig heran, und in dem Moment, in dem er den Spreader anschaut, entdeckt er die echten Skirted-Lures dahinter.

Ich fahre meist zwei solcher Teaser, einen an jeder Seite, plus einen kleinen Dredge tiefer unten, wenn das Wasser klar ist. Der Dredge zieht die Fische von unten hoch, der Spreader hält sie oben. Wenn du das erste Mal siehst, wie ein Weißer im Licht hinter dem Spreader auftaucht, sein Rücken elektrisch blau und violett vor Aufregung, und dann rüber zu deinem Köder wechselt, verstehst du, warum diese Teaser den halben Erfolg ausmachen. Sie fangen keinen Fisch. Sie machen ihn scharf.

Der Drop-back, der über alles entscheidet

Und jetzt kommt der Moment, an dem sich Weißfischer von Zufallsfängern trennen. Der Weiße Marlin frisst deinen Köder selten sauber im ersten Anlauf. Typischerweise kommt er von hinten, haut mit dem Schwert auf den Köder, betäubt ihn, dreht ab und kommt zurück, um ihn dann zu nehmen. Wenn du in dem Moment, in dem er zuschlägt, die Bremse zumachst und den Köder aus dem Wasser reißt, hast du verloren. Der Fisch schnappt ins Leere.

Der Drop-back ist die Antwort. Sobald ein Weißer den Köder anschlägt und die Rutenspitze zuckt, nehme ich die Rute aus dem Halter, öffne die Bremse in den Free-Spool und lasse mit dem Daumen leicht auf der Spule kontrolliert Schnur ab. Der Köder sackt zurück, als wäre er wirklich verletzt, und treibt hilflos. Genau das will der Marlin sehen. Er kommt zurück, nimmt ihn, dreht weg, und erst dann, wenn ich spüre, dass die Schnur wirklich Fahrt aufnimmt, lege ich langsam Druck über die Bremse an und komme in Fahrtrichtung des Bootes stramm. Kein Anschlag mit Gewalt. Beim Weißen mit seinem weichen Maul ziehst du den Haken sonst wieder heraus.

Wie lange der Drop-back dauert, ist Gefühlssache. Bei mir sind das oft nur zwei, drei Sekunden, manchmal fünf. Zu kurz, und der Fisch hat den Köder noch nicht wirklich im Maul. Zu lang, und er hat ihn ausgespuckt oder tief geschluckt, was du beim Catch and Release auf keinen Fall willst. Genau darum arbeiten viele hier auf den Azoren beim Weißen mittlerweile mit Circle-Hooks. Der Circle-Hook fasst beim Strammkommen fast von allein im Maulwinkel, du musst nicht anschlagen, du hältst nur dagegen, und der Fisch hakt sich selbst. Für einen Billfish, den du gesund zurücksetzen willst, ist das die sauberste Lösung.

Tackle, das zum Fisch passt

Ein Weißer wiegt im Schnitt zwanzig bis dreißig Kilo, ein guter kratzt an den vierzig. Das ist kein Fisch, für den du das schwere Blue-Marlin-Gerät brauchst. Ich fische ihn am liebsten auf der 30-Pfund-Klasse, manchmal 50 Pfund, wenn zwischendurch ein Blauer eingreifen kann. Das leichtere Gerät macht aus jedem Weißen einen echten Gegner, und dieser Fisch springt, rennt und tänzelt, dass dir das Herz stehen bleibt. Als Vorfach reicht beim Weißen ein Monofil um die zweihundert Pfund, oft weniger. Kein Stahl, das mag der klarsichtige Weiße im gläsernen Azorenwasser überhaupt nicht.

Wichtig ist ein sauberer Übergang von der geflochtenen Hauptschnur über einen Wind-on-Leader zum Vorfach, damit im Drill nichts hakelt und du den Fisch schnell ans Boot bekommst. Je kürzer der Drill, desto besser die Überlebenschance nach dem Release. Und Release ist beim Weißen Marlin im Atlantik das Gebot der Stunde. Die Bestände sind nicht üppig, und ein sauber abgehakter, wieder abgetauchter Weißer ist mehr wert als jeder Fisch im Boot.

Mein Fazit

Der Weiße Marlin auf der Condor-Bank ist kein Kraftspiel, er ist ein Nervenspiel. Es geht um den kleineren, aggressiveren Skirted-Lure statt des dicken Brummers, um den Spreader, der den Fisch überhaupt erst weckt, und um den einen ruhigen Drop-back, in dem sich entscheidet, ob du drillst oder fluchst. Fahr im Spätsommer raus, wenn das Wasser über vierundzwanzig Grad steht und die See ruhig liegt, halte deinen Spread klein und lebendig, und lass dem Fisch beim Biss den Moment, den er braucht.

Wann genau sich das warme Band, die ruhige See und die richtige Strömung über der Bank treffen, das lese ich vorm Törn nicht mehr aus dem Bauch. Ich lasse mir diese Faktoren in HookIQ zusammenlaufen und schaue, welches Fenster im August wirklich das beste ist. Den Rest macht der Fisch.

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Calm seas and bent rods!
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